Methodik · Comfort Index

Der Wohinwann Comfort Index.

Eine Zahl von 0 bis 100 für jede Dekade, jeden Monat, jede Destination. Basis ist der publizierte Holiday Climate Index (Scott et al. 2016). Daraus berechnen wir Strand für den Strandtag und Stadt fürs Sightseeing, für Küstenziele zusätzlich Baden, das die Wassertemperatur einbezieht. Dazu kommen redaktionelle Schichten für tropische Schwüle und destinationsspezifische Risiken.

Sektion 01

Die wissenschaftliche Basis.

Der Holiday Climate Index wurde 2016 von Daniel Scott, Michelle Rutty, Bas Amelung und Maddison Tang im Journal Atmosphere publiziert. Er löst zwei Probleme älterer Tourismus-Indizes (Mieczkowski 1985): er basiert auf tatsächlich erhobenen Präferenzen von Reisenden, und er kennt zwei Varianten für unterschiedliche Reiseintentionen – Strand und Stadt.

Beide Varianten kombinieren vier Sub-Indizes auf einer Skala von 0 bis 10: gefühlte Temperatur, Bewölkung, Niederschlag und Wind. Der Unterschied liegt in der Gewichtung. Beim Strand zählt Sonne am meisten (Bewölkung × 4), weil ein wolkiger 22-Grad-Tag am Meer schlechter ist als ein sonniger 30-Grad-Tag. Bei der Stadt zählt Temperatur am meisten (thermisch × 4), weil Sightseeing zu Fuß auf Asphalt bei 33 Grad anstrengend wird, egal wie viel die Sonne scheint.

Sektion 02

Die Formel.

Die Grundformel nach Scott et al. (2016):

Strand-Score = 2·TC + 4·A + 3·P + 1·W       (max 100)
Stadt-Score  = 4·TC + 2·A + 3·P + 1·W       (max 100)
  • TC (Thermal Comfort): gefühlte Temperatur, 0–10
  • A (Aesthetic): Bewölkung in Prozent, 0–10
  • P (Precipitation): Niederschlag pro Tag, 0–10
  • W (Wind): Windgeschwindigkeit, 0–10

Die gefühlte Temperatur berechnen wir nach der Bureau-of-Meteorology-Formel AT = T − 0.4 · (T − 10) · (1 − RH/100), einer etablierten Näherung der effektiven Temperatur. Sie bildet trockene Hitze gut ab. In feuchter und in extremer Hitze unterschätzt die Näherung die Belastung, dort steuern die Humidex-Korrektur und der Hitze-Deckel weiter unten gegen.

Die Score-Bänder sind im gesamten Wohinwann-Korpus identisch: ab 80 ideal, 60–79 sehr gut, 40–59 akzeptabel, unter 40 vermeiden.

Sektion 03

Drei redaktionelle Ergänzungen.

Über die publizierte Scott-Formel hinaus rechnet Wohinwann drei Schichten dazu. Wir nennen das Ergebnis Wohinwann Comfort Index, um nicht den Eindruck zu erwecken, das sei der reine HCI:Beach oder HCI:Urban.

1. Humidex-Korrektur (nur Stadt-Variante). Wo die Tagesmaximumtemperatur über 28 °C UND die Luftfeuchte über 75 % liegt – also klassisch tropische Schwüle wie Bangkok oder Singapur im Sommer – ziehen wir 1–2 zusätzliche Punkte vom thermischen Sub-Index ab. Hintergrund: Scott's effektive Temperatur unterschätzt schwüle Stadthitze gegenüber dem in Kanada gebräuchlichen Humidex-Maß. Bertalan et al. (2025) haben die gleiche Korrektur für Ungarn vorgenommen.

2. Redaktionelle Overrides (±10 Punkte). Pro Destination und Dekade können wir einen manuellen Auf- oder Abschlag von höchstens ±10 Punkten setzen, wenn ein Fakt die reine Klima-Formel verfehlt: Quallen-Saison im Mittelmeer, Calima auf den Kanaren, Hurrikan-Wahrscheinlichkeit in der Karibik, Schulferien-Andrang auf Mallorca im August. Diese Overrides sind transparent: auf jeder Klimatabellen-Seite kannst du sehen, welche Anpassung an welcher Stelle wirksam ist, und mit welcher Begründung.

3. Hitze-Deckel (über 40 °C). HCI:Beach gewichtet den thermischen Komfort nur mit 20 %. Ein wolkenloser, trockener Tag kann deshalb auch bei 42 °C noch im Band „ideal“ landen, was für die meisten Reisenden nicht stimmt. Liegt das mittlere Tagesmaximum einer Dekade über 40 °C, deckeln wir den Score auf 79, also knapp unter „ideal“. Der Tag bleibt „sehr gut“, erscheint aber nicht mehr als Top-Empfehlung.

Der finale Score wird auf 0–100 begrenzt und danach der Hitze-Deckel angewandt. Wenn die Formel 92 ergibt und der Override −10 abzieht, ist das Endergebnis 82.

Sektion 04

Die Baden-Variante.

Der Holiday Climate Index lässt die Wassertemperatur bewusst außen vor: ein sonniger, warmer Strandtag scoret hoch, auch wenn das Meer 15 °C kalt ist. Fürs Sonnen, Spazieren und Sitzen am Strand stimmt das. Fürs Schwimmen nicht. Ein Oktobertag an der Algarve mit 22 °C Luft und Sonne ist ein guter Strandtag, aber der Atlantik liegt bei 17 °C und ist den meisten zu kalt zum Baden.

Für Küstendestinationen rechnen wir deshalb eine dritte Variante, den Baden-Score. Er nimmt den Strand-Score und multipliziert ihn mit einem Wasserfaktor zwischen 0 und 1:

Baden-Score = Strand-Score · Wasserfaktor      (max 100)

Wasserfaktor = 0          bei Wasser bis 16 °C
             = 0 bis 1    linear zwischen 16 und 24 °C
             = 1          ab Wasser 24 °C

Das ist ein Veto, keine Gewichtung. Kaltes Wasser zieht den Score nicht um ein paar Punkte herunter, es kippt ihn: bei 16 °C oder kälter ist der Baden-Score 0, egal wie perfekt Sonne, Luft und Wind sind. Fürs Schwimmen ist zu kaltes Wasser genau das, ein Ausschlusskriterium. Erst ab rund 24 °C zählt der volle Strand-Score.

Der Baden-Score ist eine Wohinwann-Eigenentwicklung. Seine Basis ist der HCI:Beach von Scott et al., er ist aber nicht der HCI:Beach: das publizierte Original kennt keine Wassertemperatur. Wir kennzeichnen ihn deshalb durchgängig als eigene Variante. Die Score-Bänder (ab 80 ideal, 60–79 sehr gut, 40–59 akzeptabel, unter 40 vermeiden) sind dieselben wie bei Strand und Stadt.

Sektion 05

Die Datenbasis.

Eingang in den Index sind 30 Jahre Tagesdaten von Copernicus ERA5 (1995–2024), aggregiert pro Destination zu 36 Dekaden – also drei 10-Tages-Blöcke pro Monat. Für 32 Destinationen mit kleinem Maßstab oder komplexem Mikroklima (kleine Inseln, Bergregionen) blenden wir zusätzlich tägliche Werte von Visual Crossing ein, weil ERA5's ~30-km-Gitterzellen dort teilweise über Ozean oder Bergrücken mitteln.

Die Referenzperiode 1995–2024 spiegelt das Klima, das ein heutiger Reisender erlebt – inklusive der Erwärmung der letzten 30 Jahre. Konkurrenzangebote arbeiten häufig mit WMO-Normalwerten aus der Periode 1961–1990 oder 1981–2010, die das aktuelle Klima unterschätzen, besonders im Mittelmeerraum.

Für Küstendestinationen kommt die Meerestemperatur dazu. Sie stammt aus der NASA-MUR-Analyse (Multi-scale Ultra-high Resolution SST), einem Satellitenprodukt mit rund 1 km Auflösung. Wir beziehen sie als Monatsmittel über die Jahre 2015 bis 2024 und interpolieren sie auf die 36 Dekaden. Das kürzere Fenster spiegelt die verlässlich verfügbare MUR-Abdeckung; bei Meerestemperaturen ist die Erwärmung der jüngeren Jahre ohnehin aussagekräftiger als ein langes Mittel.

Sektion 06

Was der Index nicht kann.

Der Comfort Index ist ein langjähriges Mittel, keine Wettervorhersage. Wenn ein Monat ideal scoret, heißt das, dass dieser Monat über 30 Jahre gemittelt verlässlich angenehm ist – nicht, dass es im Mai 2026 nicht doch eine Woche regnen kann. Für konkrete Reisedaten ergänze die Klimatabelle mit einer Vorhersage von DWD, MeteoSwiss oder einem kommerziellen Anbieter.

Der Index erfasst auch nur die klimatische Komfortdimension. Crowds, Preise, lokale Feiertage, Bauarbeiten an der Akropolis – das sind alles relevante Faktoren für die Reiseentscheidung, die der Index nicht abbildet. Wir versuchen, diese Schichten teilweise im Prosa-Text der einzelnen Destinationsseite zu adressieren.

Letzte Einschränkung: für Reiseziele mit ausgeprägtem Höhen-Mikroklima (z. B. Bali interior vs. Bali Küste) repräsentiert ein einzelner Koordinatenpunkt die Destination – wir wählen den Punkt, der den typischen Reisefall trifft (Küste statt Hochland für Strand-Intentionen, Stadtmitte statt Vororte für Stadt-Intentionen).

Sektion 07

Quellen und Referenzen.

  1. [01]
    Scott, Rutty, Amelung & Tang (2016) An inter-comparison of the HCI and TCI in Europe · Atmosphere 7(6), 80
  2. [02]
    Copernicus Climate Data Store · ERA5 cds.climate.copernicus.eu · CC-BY 4.0
  3. [03]
    Visual Crossing · Weather Data visualcrossing.com · Gap-Fill für kleinräumige Destinationen
  4. [04]
    NASA JPL · MUR Sea Surface Temperature podaac.jpl.nasa.gov · Meerestemperatur, ~1 km Auflösung
  5. [05]
    Bureau of Meteorology · Apparent Temperature bom.gov.au · Formel für gefühlte Temperatur
  6. [06]
    Bertalan et al. (2025) · Hungarian HCI-Modifikation Canadian Humidex als Ergänzung zur effektiven Temperatur